HvB e.V.

Heimatverein Berghofen e.V.

      Berghofer Geschichte(n) 

Hermann Baus (1874 - 1935)– der Berghofer Heimatdichter 

Die schon in wenigen Jahren – AD 2020 – mindestens acht Jahrhunderte alte ehemalige Bauernschaft mit dem Adelssitz Haus Berghofen, seit 1929 ein Ortsteil der Großstadt Dortmund, hat nicht nur den Heimatkomponisten August Haselhoff hervor gebracht. Auch der zu Recht so genannte Heimatdichter Hermann Baus (1874–1935) wurde am 5. März 1874 als ältestes von 12 Kindern einer Arbeiterfamilie in unserem schönen Berghofen an der Busenbergstraße 71 geboren. Das Elterhaus wurde am 22. Februar 1944 bei einem Bombenangriff leider zerstört. Nach dem Kriege wohnte an gleicher Stelle ein Neffe des Dichters, Fritz Baus, der seinen Onkel als einen frommen Mann in Erinnerung hatte. Hermann Baus arbeitete später im Hörder Werk „Phoenix“. Seine große Leidenschaft aber war die Poesie und er dichtete sehr viel, sowohl auf Hochdeutsch als auch „op Plattdütsch“. 

PotraitPortrait

Von den Hördern – und auch von seinem gleichnamigen Enkel, der die gesammelten Werke seines Großvaters 2013 veröffentlich hat – wird er allerdings als „Hörder Heimatdichter“ bezeichnet. Schließlich verbrachte er die meiste Zeit eines Lebens ja auch in Hörde, wo er u.a.
„Am Remberg“ wohnte. Innerhalb Hördes ist er offenbar auch umgezogen, vielleicht sogar wegen der wachsenden Familie mehrfach. Eine Foto-Postkarte von 1911 mit der Abbildung eines Backsteinhauses an der Adresse „Auf dem Kämpchen 5“ wird vom Enkel mit der Anschrift „(jetzt) Steinkühlerweg 77“) identifiziert. Das „Einwohnerbuch für Hörde 1926“ weist den folgenden Eintrag aus: „Baus, Herm., Vorarb., Steinkühlerweg 49“. Mit Hörde verband ihn jedenfalls eine große Liebe, die in vielen Geschichten und Gedichten ihren Ausdruck fand. So schrieb er z.B. ein 6-zeiliges plattdeutsches Gedicht mit dem Titel „Mien Höier“, ein hochdeutsches Gedicht mit drei Strophen zu je vier Versen überschrieben mit „Hörde!“ und einen längeren Text über „En Gang düör Hoier“ in zwei Teilen auf Plattdeutsch. Der 1. Teil umfasst gedruckt beinahe zwei DIN-A4-Seiten, davon ist der größere Teil in Reimen verfasst. Teil 2 ist kürzer und etwa je zur Hälfte gereimt bzw. in Prosa gehalten.

Schon früh musste der junge Hermann in dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb auf zwei Morgen Land mit arbeiten. Dieser Nebenerwerb diente der Ernährung der vielköpfigen Familie Baus. Ohne eine berufliche Ausbildung ging der begabte junge Mann im Alter von 19 Jahren schließlich in die Industrie nach Hörde. 

Seit 1893 bis an sein Lebensende arbeitete er zunächst als Maschinist in der alten Räderfabrik der „Vereinigten Stahlwerke AG – Hörder Verein“ („Phoenix“), später dann als Elektriker in der entsprechenden Abteilung. Die Hüttenzeitung von 13. Juli 1933, Seite 7, schreibt dazu: „Auch Herr Hermann Baus konnte auf eine vierzigjährige Tätigkeit beim Hörder Verein zurückblicken. ... Nach Inbetriebnahme der neuen Räderfabrik wurde er zum Vorarbeiter ernannt und mit der Wartung der Motoren und Beaufsichtigung der Kranführer und Maschinisten betraut. Infolge Stillegung der Räderfabrik wurde Herr Baus zur Elektr. Abt. überwiesen, in der er noch heute als Elektriker beschäftigt ist.“ 

Wohnhaus BausWohnhaus Baus

Neben seiner Berufstätigkeit widmete sich Baus mit Hingabe dem Schreiben von Prosatexten und Gedichten. Viele seiner Geschichten und Versdichtungen wurden in der schon zitierten Hüttenzeitung, deren Mitarbeiter er war, aber auch im „Hörder Volksblatt“ veröffentlicht.

 Mit 29 Jahren lernte der Dichter Helene Schürhoff kennen. Am 5. März 1904 gaben sich Hermann Baus und Helene Schürhoff das Ja-Wort. Dem Ehepaar wurden fünf Söhne geboren: Julius (1905), Hermann (1908), Erich (1910), Wilhelm (1914) und Walter (1916). Als am Ostermorgen 1927 der jüngste Sohn, Walter, nach längerem Herzleiden im zarten Alter von 10 Jahren verstarb, brachte der Autor seinen Kummer in zwei Gedichten zum Ausdruck, wie z.B. in diesen ergreifenden acht Versen, abgedruckt auf Seite 24 des ersten Sammelbandes der Baus’schen dichterischen Werke:

                                                        Das ist des Herbstes Blätterfall

                              Das ist des Herbstes Blätterfall, wie trister Flügelschlag,

                              Ich stand an meines Kindes Gruft gramvoll noch früh am Tag.

                              Das Herzeweh wieder einmal trieb mich hin zu Grab und Sarg,

                              Zum Hügel, der mein Knäblein jung für immer innen barg.

                              Es bricht die alte Wunde auf, im Schmerz, der oft schon taub,

                              In Friedhofsstille ringsumher nur kraftlos raschelndes Laub.

                              Aus dem vergilbten Blätterdach der Bäume wie träumend es stetig fiel,

                              Dem Tod geweiht, auf Pfad und Grab. – Gleich meinem Kinde am Ziel. 

Posthum erschien in Baus’ Todesjahr 1935 eine Textsammlung mit einem repräsentativen Querschnitt seines Schaffens unter dem Titel „Heimat und Werk. Ernste und heitere Gedichte und Erzählungen in haugdütsch un plattdütsch aus dem Emschertal“. Das bei Halbach in Dortmund-Hörde gedruckte und 92 Seiten umfassende Bändchen kostete damals kartoniert 1,90 und gebunden 2,40 Reichsmark. Zur Zeit ist es noch in einigen Internet-Antiquariaten zu Preisen zwischen 39 und 53 Euro erhältlich. Das Buch enthält 11 Scherenschnitte von Karl Boenke (Höchsten) und ein Foto des Dichters bei der „Vesper im Werk“. Es ist in vier Abschnitte unterteilt:
„Heimatland - Emscherland“, „Pröhlkes und Schnaken“ „Werkverbundenheit“ und schließlich „Feierabend“. In aller Bescheidenheit schreibt Baus in einem 3-strophigen Gedicht:
 

                                                       Zur Einführung

                                                   Im Dörflein dumm geboren,

                                                   Nicht viel gelernt dazu,

                                                   Einsam und weltverloren,

                                                   Hab ich oft keine Ruh.

 

                                                   Da sitz ich dann bei einem

                                                   Gedanken tief und schwer,

                                                   Ob er sich nicht läßt reimen,

                                                   Besinn mich hin und her.
 

                                                   Als hätt ich keinen Schimmer,

                                                   So dusele ich vor mich hin,

                                                   So geht’s mir beinah immer,

                                                   Wenn ich poetisch bin. 

In diesem Gedicht bezeichnet sich der Verfasser sehr bescheiden als „Einsam und weltverloren“, obwohl er bei seinen Arbeitskollegen im Hörder Werk „Phoenix“ mit seinen Werken bekannt und beliebt war. Tatsächlich bezeugen seine poetischen Texte sehr deutlich, dass er zutiefst in der Welt der Arbeit verwurzelt war, die er sowohl emotional engagiert als auch nachdenklich distanziert in Reimen und Prosa abbildete und kommentierte. 

Das 35 Seiten umfassende Kapitel 6 „Verwurzelt im christlichen Glauben“ in der privaten Werksausgabe durch den Enkel des Dichters  (2013) legt in zahlreichen Prosatexten und Gedichten (darunter auch einige plattdeutsche Texte mit den entsprechenden hochdeutschen Übertragungen) ein beredtes Zeugnis von der tiefen Religiosität des Dichters ab. Titel wie „Ein rechter Beter werd’ auch du!“ oder „Abendandacht“ und „Karfreitag“ belegen dies. Ein recht kurzes  Beispiel aus diesem Kapitel sei hier stellvertretend zitiert: 

                                                      Verlobung
                                                  Was feines hab ich da vernommen?

                                                  Da hier das Kärtchen angekommen,

                                                  Das freud’ge Botschaft mir gebracht,

                                                  Woran wir nicht entfernt gedacht:

                                                  Verlobung!

                                                  Hos. 2, 19-20

                                                  Altes heiliges Wort.

                                                  Noch in Erinnerung selger Gnadentage,

                                                  Da Gott es sprach zu Euch

                                                  Gleich einer selgen frommen Sage,

                                                  Zum Glauben war das Herz bereit:

                                                  Ich will verloben mich mit dir in Ewigkeit. 

Die weltlich-zwischenmenschliche Ankündigung einer Verlobung in Baus’ Freundeskreis überhöht der Dichter durch die Einfügung eines Hinweises auf die alttestamentarische Bibelstelle (Hosea 2, 19-20) zu einem Bekenntnis von religiöser Dimension. Hermann Baus war nicht nur ein gläubiger evangelischer Christ, sondern auch ein sich sehr aktiv einsetzendes Mitglied seiner Gemeinde vor Ort. „Der Tatendrang in ihm findet im Weinberge des Herrn ein großes Betätigungsfeld. In der Zweigstelle Hörde der Friedenskirche gründet und leitet er eine Sonntagsschule“ (M. Baghöfer). Er lenkte 14 Jahre lang in harter Nachkriegsarbeit nach dem Ersten Weltkrieg als Vorsitzender die Geschicke der evangelischen Stadtmission Hörde und wirkte 9 Jahre lang im Presbyterium seiner Kirchengemeinde mit. In Baghöfers Nachruf lesen wir viel über die Glaubenstiefe und das christliche Engagement von Hermann Baus, von dem er sich mit den Worten „Ruhe in Frieden, mein lieber guter Freund und Bruder“ verabschiedet.

Ein plattdeutsches Gedicht „Aus der Welt der Arbeit“ (Kap. 4 der Werksausgabe, Seite 109, mit hochdeutscher Übertragung, und Seite 67 in „Heimat und Werk“) schildert indirekt (da sich das Werk am Sonntag natürlich im Ruhezustand befindet) das werktägliche Arbeitsumfeld des Verfassers. 

                                                      Sundag in de Fabrik          

                                                  Still es et, daut in de Fabrik,

                                                  Nicks reget, nicks beweget sick.

                                                  Verbie Schandal un Krach. Kein Lut

                                                  Dringet ut Bau un Wiärkstieh rut.

                                                  Kein Funkenriägen hauge schütt,

                                                  Un kein Converter Stohl utgütt.

                                                  Kein Matinowen schient noch grell,

                                                  Un mäket unnerm Dake hell.

                                                  Un stille stoht de Walzenstroten,

                                                  De Schweitöwens hat se utgohn loten.

                                                  Kein Qualm, kein Dämpken stieget op,

                                                  Kahl raget de Kamiene rop.

                                                  Vom Himmel, van däm Wind ümbruset,

                                                  Kein Dreihbank löpt, kein Motor suset.

                                                  De Rains hanget wirr un schlaff dörein,

                                                  An Well’ un Rad es Stuoff to saihn.

                                                  De Krans stohn stille op de Bahn,

                                                  Kein hen un her, kein af un an,

                                                  Dat ganze Wiärks im Schloop do liet,

                                                  Weil’t Sundag es, weil’t Wiele hiett,

                                                  Nicks reget, nicks beweget sick,

                                                  Still es et, daut in de Fabrik. 

Im Werk war unser Berghofer bzw. Hörder Heimatdichter Hermann Baus bei den Arbeitskollegen und den Vorgesetzten gleichermaßen beliebt. Nicht zuletzt durch seine Beiträge und seine redaktionelle Mitarbeit in der Hüttenzeitung wurde sein Talent als Poet bekannt, beliebt und sehr bewundert. 

Am 5. März 1935 konnte Baus seinen 61. Geburtstag im Kreise seiner Familie feiern. Am gleichen Tag jährte sich der Hochzeitstag zum 31. Mal. Tags darauf, am 6. März, erfreute ihn die Geburt seines ersten Enkelkindes. Der folgende Tag, der 7. März 1935, muss wohl als der Anfang vom Ende bezeichnet werden. Hermann Baus erlitt einen Arbeitsunfall. Kurz vor dem Feierabend brach ihm eine umstürzende Kabeltrommel den rechten Fuß. Er kam ins Krankenhaus und der Tag endete voller Traurigkeit für die ganze Familie. Der einzige Lichtstrahl dieses Tages war die Tatsache, dass der zweitjüngste Sohn eine Dauerbeschäftigung auf dem Hörder Hüttenwerk erhielt. Seine Frau überbrachte ihm diese Nachricht ans Krankenlager und er freute sich sehr. Nach dreiwöchigem Krankenhausaufenthalt war der Fuß wieder geheilt, aber Baus fühlte sich keineswegs wohl, was sein Aussehen bestätigte. Er beschloss zusammen mit seiner Frau, auch seinen Magen untersuchen zu lassen. Die Röntgenaufnahme brachte dann ein sehr niederschmetterndes Ergebnis. Der Patient litt an Leber- und Speicheldrüsenkrebs. Sein Körper verfiel zusehends. Die Ostertage konnte er noch zu Hause mit seiner Familie verbringen. Am 25. April 1935 verstarb der Heimatdichter Hermann Baus gegen 21.45 Uhr. Die Nachricht verbreitete sich schnell und die Trauer seiner Frau und seiner Söhne sowie bei den Verfassern der Hüttenzeitung und den Hörder Bürgern war sehr groß. 

Auf dem Hörder evangelischen Friedhof „Am Ölpfad“ setzte man ein Denkmal auf sein Grab mit dem Text der Zeilen 13 bis 20 aus seinem 44-zeiligen Gedicht; 

                                                      Am Begräbnistage                       

                                                 O Vater, lass uns aufwärts schauen!

                                                 Zum Staube kehrt ja nur der Staub zurück;

                                                 Aufwärts zu Dir, zum schönen Reich des Lichtes

                                                 Erhebe sich der tränenfeuchte Blick!

                                                 Unsterblichkeit! Du bist des Himmels Blüte,

                                                 Die stolz und herrlich aus dem Grab sich hebt,

                                                 Und deren Duft die kummervollen Herzen

                                                 Mit neuer Kraft und neuem Mut belebt. 

Grab und Grabstein des Dichters sind leider nicht mehr erhalten. Es lebt aber die Erinnerung an sein Leben und sein poetisches Werk weiter. Die Originalmanuskripte des Verfassers hat sein Enkel Hermann Baus aus Mülheim an der Ruhr dem Fritz-Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur in Dortmund übergeben, wo sie für die Nachwelt aufbewahrt werden. Retrospektiven zum Werk des Hobbydichters gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder. Zum 40. Todestag von Hermann Baus erinnerte 1975 eine Ausstellung der Hörder Stadtbücherei an ihn. 1983 wurde ihm anlässlich der Wiederaufstellung der „Schlanken Mathilde“ eine weitere Ehrung durch die Stadtbücherei zuteil. Sie stellte ihn in der Hörder Stadtsparkasse zusammen mit anderen bekannten Hördern in der Ausstellung „Hörder Köpfe“ vor. Der ehemalige Stadtheimatpfleger Dr. Ingo Fiedler brachte den gebürtigen Berghofer Poeten in mehreren reich illustrierten Aufsätzen mit dem Abdruck etlicher seiner Gedichte einem breiteren Publikum näher (so z.B. im „Berghofer Blick“ Nr. 4/1992 und 2/2007)

Quelle: Hermann Baus (Enkel): „Der Hörder Heimatdichter Hermann Baus. Geboren 5.3.1874, gestorben 25.4.1935. Eine Zusammenstellung der überlieferten Texte.“ Mühlheim a.d. Ruhr (im März) 2013 (344 Seiten, gebunden, DIN A4, im Eigenverlag, mit sehr begrenzter Auflage).

Zwei Ergänzungsbändchen mit den später aufgefundenen Texten von Hermann Baus sind ebenfalls erschienen: „1.Nachtrag“ (im Dezember) 2013 (74 Seiten, geklebt, DIN A 4) und „2. Nachtrag“ (im Januar) 2016 (68 Seiten, gleiches Format).

Alle drei Bände enthalten zahlreiche Faksimile-Abbildungen von Original-Handschriften des Dichters, von Fotos, Zeitungsartikeln und weiteren Dokumenten, in den ersten beiden Bänden sogar teilweise bzw. überwiegend in Farbe. 

Dieter Tillmann